Theologie

Die Markgrafenkirchen sind Teil des evangelisch-lutherischen Kirchenbaus, der im 16. bis 18. Jahrhunderten in ganz Europa den gleichen Grundsätzen folgte. In der Architektur und der Ausstattung der Kirchen bis hinein in die Bilder und Symbole spiegelt sich die reformatorische Theologie lutherische Prägung. Der Unterschied zu den reformierten Schwesterkirchen zeigt sich vor allem im Umgang mit Bildern und Figuren.

Während dort das alttestamentliche Bilderverbot oft radikal umgesetzt und alles Bildhafte aus den Kirchen entfernt wurde, stehen in lutherischen Kirchen die Bilder im Dienst der Verkündigung. Außenstehende mögen sich über die Bilderfülle wundern, die manche evangelische Barockkirche aufweist.

Die Grundideen der Reformation

Die Reformation hatte viele Bereichen von Glaube und Kirche revolutioniert – auch den Gottesdienst, für den die Kirchen gebaut oder umgestaltet wurden. Die zentralen Punkte bilden die vier „Soli“ (von lateinisch „solus“, „nur, allein“):

  • Solus Christus: Allein in Jesus Christus liegt das Heil. Er ist die Tür zu Gott, dem Vater. Es gibt keine anderen Vermittler. In ihm ist Gott Mensch geworden (Weihnachten), in ihm hat er am Kreuz die Welt versöhnt (Karfreitag), in ihm hat er den Tod überwunden (Ostern). Im Heiligen Geist ist er gegenwärtig. Deswegen steht in allen evangelischen Kirchen Jesus Christus im Mittelpunkt.
  • Sola Gratia: Allein durch die Gnade und Barmherzigkeit Gottes wird der Mensch gerettet. Aus Liebe stirbt Jesus Christus für die Welt. Menschliche Leistung, wie sie sich in den „guten Werken“ ausdrückt, zählt hier nicht. Für die Menschen folgt daraus das
  • Sola fide: Allein durch den Glauben an Jesus Christus wird der Mensch vor Gott gerecht und gut. Der Glaube kommt aus dem Hören auf Gottes Wort. Deswegen steht die Verkündigung, besonders die Predigt, im Zentrum der Markgrafenkirchen.
  • Sola scriptura: Allein in der Heiligen Schrift mit Altem und Neuen Testament ist dies bezeugt und für alle Zeit festgehalten. Die Bibel ist die Quelle und Norm der Verkündigung. Heiligenlegenden und andere „schöne Geschichten“ können nicht als Grundlage des Glaubens dienen. Die Bilder in den Kirchen entstammen der Bibel.

Das Wort Gottes steht im Mittelpunkt lutherischer Theologie (Pfarrkirche St. Jakobus, Röslau)

Kirche als Versammlung

Die Ideen der Reformation sind im „Augsburger Bekenntnis“ (Confessio Augustana) zusammengefasst, das im Jahr 1530 dem Kaiser vorgelegt wurde und bis heute für die lutherischen Kirchen große Bedeutung hat. Darin wird die Kirche als eine Versammlung beschrieben, in der das Evangelium unverfälscht verkündigt und die Sakramente (Taufe und Abendmahl) so ausgeteilt werden, wie sie von Jesus Christus selbst eingesetzt wurden. Dementsprechend wurden die Kirchen als Versammlungsräume gestaltet. Die Kirche wird zu einem Saal, in dem die Gläubigen auch auf den Emporen Platz finden. Denn der Gottesdienst ist eine Gemeinschaftsveranstaltung und nicht, wie oft im Mittelalter, ein Solo des Priesters in einem abgesetzten Chorraum. Im Mittelpunkt stehen die Verkündigung des Evangeliums und die beiden Sakramente. Alles läuft auf die Predigt zu. Im Kanzelaltar drückt sich das besonders deutlich aus. Die Kanzel rückt in die Mitte des Geschehen. Zugleich verbindet der Kanzelaltar Predigt und Abendmahl. Der Taufstein steht ganz in der Nähe von Altar und Kanzel oder in der Mitte der Kirche. So kommen baulich die Elemente zusammen, die nach dem Augsburger Bekenntnis das Wesen der Kirche ausmachen.

Zwischen Heiligenbildern und Bildersturm

Martin Luther kämpfte gegen die Verehrung der Heiligen: sie als Fürsprecher bei Gott anzurufen, ihre Bilder anzubeten, ihren Reliquien besondere Kräfte zuzuschreiben oder Wallfahrten zu ihren Stätten zu unternehmen. Diese Themen spielten in den mittelalterlichen Kirchen eine große Rolle und bestimmten auch die Kunst. Durch den Wegfall der vielen Messen zu Totengedenken etc. und der Wallfahrten entgingen den Gemeinden erhebliche Finanzmittel. Zur Deckung der Kosten wurden später die Sitzplätze in den Kirchen vermietet. Die Kennzeichnungen mit Namen oder Nummern sind heute mancherorts noch zu sehen.

Luther kämpfte aber auch gegen die Bilderstürmer, die die Heiligenbilder und Messgewänder zerstörten. Dies tat der Reformator nicht nur, um einen friedlichen Verlauf der Reformation zu gewährleisten, sondern auch aus theologischen Gründen: Die Heiligen sollten als Vorbilder im Glauben betrachtet werden. Später wurden die Heiligenfiguren aus den gotischen Altären mancherorts respektvoll in die neue Kirche übernommen, wenn sie nicht auf den Dachboden wanderten. Bilder unterstützen die Verkündigung, vor allem wenn sie biblische Geschichten und Themen darstellen. Sie sprechen den Betrachter sinnenfällig an und prägen sich ein, besonders in Verbindung mit Worten und Musik.

Heiligenfiguren wurden manchmal respektvoll integriert, wie hier die Hl. Kunigunde in der Pfarrkirche St. Martin, Töpen.

Schweinestall und Schlosskirche

Am Kirchenbau war Luther wenig interessiert. Er meinte, man bräuchte keine besonderen „heiligen“ Orte für den Gottesdienst. Den könne man in einem Schweinestall genauso gut feiern. Schließlich geht es nur um die Verkündigung des Evangeliums und die Sakramente. Jesus Christus wurde auch in einem Stall geboren. Zudem herrschte wenig Bedarf an neuen Kirchen. Viele Gotteshäuser waren gerade neu gebaut oder spätgotisch umgestaltet worden. Neubauten entstanden zunächst bei den Schlössern. Es war die Zeit der Renaissance, als mittelalterliche Burgen durch komfortablere Schlösser ersetzt wurden. Und dazu gehörte eine Schlosskapelle oder –kirche. Die Kapelle auf Schloss Hartenberg in Torgau, erbaut 1544, gilt als der erste evangelische Kirchenbau der Welt (die Schlosskirche in Neuburg a.d. Donau war bei der Einweihung 1543 noch für eine katholische Herrschaft bestimmt und wurde erst später evangelisch). Bei der Einweihung in Torgau hielt Martin Luther eine programmatische Predigt, die über Jahrhunderte bei Kircheneinweihungen zitiert wurde. Die Kirche ist zu nichts anderem da, „als dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir umgekehrt mit ihm reden durch unser Gebet und Lobgesang.“ Dass es sich um die Schlosskirche eines lutherischen Landesherrn handelt, ist auch deswegen bezeichnend, weil die Reformatoren die Verantwortung für die Kirchen in die Hand der weltlichen Obrigkeit legten („Landesherrliches Kirchenregiment“).

„Thron und Altar“

Die Verbindung von „Thron und Altar“ spielt auch in den Markgrafenkirchen eine Rolle. Dahinter steht die reformatorische „Zwei-Regimenten-Lehre“ (oder auch „Zwei-Reiche-Lehre“): Gott übt seine Herrschaft in der Welt auf zweierlei Weise aus. Das „weltliche Regiment“ haben die Regierenden inne. Sie sollen durch Gesetze und vernünftiges Regieren für Frieden, sozialen Ausgleich und Gerechtigkeit sorgen. Das „geistliche Regiment“ betrifft den Glauben der Menschen. Allein durch die Kraft des Wortes, ohne Machtmittel („non vi, sed verbo“) sollen die Menschen zum Glauben an Jesus Christus finden und die Nächstenliebe üben. Durch „weltliches“ und „geistliches Regieren“ erweist Gott seine Liebe zu den Menschen, auch wenn staatlicherseits Gesetzesbrecher bestraft werden müssen.

Manche Altäre zeigen das Bild des weltlichen Herren direkt neben dem Bild Jesu Christi (Kulmbach St. Petri, Eckersdorf). In den Markgrafenkirchen sind die weltlichen Herren präsent, auch wenn sie nicht in ihren Fürstenlogen oder Adelsständen am Gottesdienst teilnehmen. Ihre Wappen und Initialen sind nicht zu übersehen und zieren die „heiligsten“ Orte wie Altäre, Kanzeldeckel oder den „Triumphbogen“ über dem Chor. Und im Gottesdienst gedachte die Gemeinde ihrer Obrigkeit im Gebet, feierte landesweit die freudigen Anlässe der Herrscherfamilie oder beging gemeinsam die traurigen. Das Thema „Autorität“ spielte eine große Rolle. In Ausübung des „weltlichen Regiments“ galten die Herrscher wie „Stellvertreter Gottes“.

Der örtliche Kirchenpatron am Altar der Pfarrkirche St. Aegidius in Eckersdorf

Heilige Orte

Während Luther es ablehnte, Kirchen als heilige Orte anzusehen (siehe „Schweinestall“), kam mit der Zeit auch im evangelischen Bereich das Bedürfnis auf, die Gotteshäuser als spirituelle Räume zu erfahren und auszugestalten. Hier soll man die Gegenwart Gottes besonders erleben. Allerdings früher nur im Gottesdienst. Sonst waren die Kirchen verschlossen. Aber wenn Gottesdienst gefeiert wird, geht der Himmel auf und Gott offenbart sich den Menschen. Das zeigen häufig vorkommende Darstellungen: Am brennenden Dornbusch hörte Mose die Stimme Gottes, der ihm seinen Namen bekannt gab, und gebot, seine Schuhe auszuziehen, denn er betrat heiliges Land. In seinem Traum von der Himmelsleiter sah Jakob die Engel auf- und absteigen und wusste, als er erwachte: das ist ein heiliger Ort und das Haus Gottes (hebräisch Beth-el). Der Prophet Jesaja durfte einen Blick in den Himmel tun, Gott von Angesicht sehen und den Gesang der Engel hören – ihr „Heilig, heilig, heilig“. Gott in seiner Heiligkeit und Herrlichkeit wird vor allem durch den goldenen Strahlenkranz ausgewiesen, aber auch durch das Gold an anderen Stellen.

Bei Kircheneinweihungen wird das Gebet zitiert, das König Salomo bei Einweihung des Tempels in Jerusalem sprach: Der Himmel und aller Himmel Himmel können Gott nicht fassen – und schon gar nicht dieses Bauwerk. Aber es hat Gott gefallen, hier seinen Namen wohnen zu lassen. Oft erscheint der hebräische Gottesname „Jahwe“ in den Markgrafenkirchen. Er bedeutet: Ich bin bei euch. So wie Jesus Christus bei seiner Himmelfahrt verspricht: Siehe, ich bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende. Im Gottesdienst kann man das hören und erfahren: in der Verkündigung, bei der Taufe und im Abendmahl, auch durch die Atmosphäre des Raums. Wenn die Kirche auch außerhalb des Gottesdienstes geöffnet ist, lässt sich diese besondere Atmosphäre eines „heiligen Raumes“ jederzeit erleben.

Der hebräische Gottesname „Jahwe“ – hier in der Stadtkirche Gräfenberg umgeben von Sonnenstrahlen